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  • "Into the Woods" (USA 2014) Kritik - Ein zweischneidiges Märchenamalgam

    Autor: Pascal Reis

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    "I was raised to be charming, not sincere."

    Nachdem der von Robert Stromberg in Szene gegossene „Maleficent – Die dunkle Fee“ im letzten Jahr ein gar absurd anmutendes Einspielergebnis von über 750 Millionen Dollar zu verzeichnen hatte, wurde mit diesen Zahlen eine Sache überdeutlich verständlich gemacht: Märchen sind nach wie vor en vogue! Aber, so viel Eingeständnis muss an dieser Stelle erlaubt sein, eine gewisse Frischzellenkur ist bei der Handhabung heutzutage nicht gänzlich sinnlos, hat „Maleficent – Die dunkle Fee“ eben auch nicht einfach nur die altbackene Geschichte von Dornröschen heruntergespielt, sondern sein erzählerisches Zentrum auf Malefiz (so wie sie ursprünglich im Deutschen hieß), die böse Fee, gelegt: Mut zum Modifizieren stand also auf der Agenda. Und diese revisionistische Courage lässt sich nun auch in Rob Marshalls „Into the Woods“ wiederfinden, der als gleichnamige Verfilmung des renommierten Broadway-Musicals sicherlich einige künstlerische Hürden und Kürzungen zu nehmen hatte, von den Entwicklern des Stücks, James Lapine und Stephen Sondheim, aber kontinuierlich unter wachsamer Beobachtung stand.

    Und die haben Sicherheit genauso Mitverantwortung daran getragen, dass „Into the Woods“ den Sprung von der Bühne auf die Leinwand dermaßen glücken wird. Tatsächlich muss man sagen, dass Rob Marshall hier mal wieder ein Projekt unter seine Ägide genommen hat, bei dem sich seine schiere Lust am Inszenieren in einer lieblichen Bescheidenheit mündet, dass man über die ersten 70 Minuten lautstark applaudieren möchte. „Into the Woods“ nämlich ist nie daran interessiert, erschlagende money shots aufzuzeigen, obwohl sich die Märchenwelt in ihrem phantastischen Spezifikum natürlich als tadelloser Generator dafür anbieten würde. Stattdessen bleiben, nur beispielsweise, Riesen, die an einer Ranke aus dem Himmelreich herabsteigen, stetig im Nebulösen, was „Into the Woods“ attestiert, den Blick des Zuschauers nicht durch gigantomanisches Spektakel verfälschen zu wollen, sondern permanent auf das mehr als spielfreudig aufgelegte Ensemble richten zu lachen. Da wo sich die Wege von „Cinderella“, „Rotkäppchen“, „Rapunzel“, „Hans und die Bohnenranke“ sowie eine eigenständige Geschichte um ein quirliges Bäckepaar kreuzen, prallen auch die Stars aufeinander.

    Ob Anna Kendrick, Emily Blunt, James Corden, Daniel Huttlestone oder Oscar-Maskottchen Meryl Streep: Ihnen allen merkt man den bedingungslosen Spaß am Kostümieren und Musizieren an, was auch eine grundlegende Voraussetzung sein muss, um ein Musical mit ansteckender Vitalität zu füllen. Der beste Moment des Films gehört aber nicht allein Johnny Depp, der als schrulliger Pädo-Wolf Rotkäppchen (Lilla Crawford) zu ihrem sexuellen Erwachen gereicht, sondern vor allem Chris Pine und Billy Magnussen, die als vom Herzschmerz heimgesuchte Prinzen zum Gesangsduett am Wasserfall bitten, welches alsbald zum persiflierenden Duell heranwächst und so richtig Stimmung in die Bude bringt. Die Songs aber sind im Allgemeinen wunderbar vorgetragen, mit Esprit und Charme, bis wir jene 70-minütige Grenze überschritten haben und das vermeidliche „Happy End“ einen sich über 50 Minuten erstreckenden Nachklapp spendiert bekommt. Konnten sich die Charaktere in ihrer emotionalen Konfusion, ihren dringlichen Dilemmata, einfach in ihrer nicht ohne Macken auskommenden Disposition, erst noch geschwind in die Herzen schleichen, wendet sich das empathische Blatt in diesem Abschnitt noch einmal.

    Eine gute Nummer, das beweist uns „Into the Woods“ erst eindrücklich, kann zwar die Zeit zum Stillstand bringen, niemals aber den Geist der Magie erdrücken. Die letzten 50 Minuten aber vollbringen genau das: Wurden die motivischen wie personellen Versatzstücke verschiedener Märchen erst einmal neu angeordnet und zu einem quicklebendigen, bekloppt-theatralischen Amalgam geformt, stagniert die Dramaturgie von „Into the Woods“ zunehmend. Die Phantasterei, das Fabulieren, das Träumen, die gesamte metaphorische Projektionsfläche des Settings, das gleichwohl auch als ein Fahrstuhl in das Unterbewusstsein so wie als Abhandlung verschiedener Moralvorstellungen fungiert, wirkt zunehmend unbeweglicher, als würde sich der Bucheinband abgenutzt von den verblassenden Seiten lösen, weil man den Zeitpunkt verpasst hat, das Lesen für heute einzustellen und den Schmöker wieder im Regal zu platzieren. Dass „Into the Woods“ letztlich an einer solch herben Dichotomie scheitern sollte, ist zwar tragisch und nicht minder enttäuschend, wirklichen Groll vermag der Film letztlich dennoch nicht auf sich ziehen, dafür sind die ersten 70 Minuten einfach zu gut, zu subversiv, zu bezaubernd.

  • "Am Sonntag bist du tot" (GB/IE 2014) Kritik - Was in Trümmern liegt, wächst nicht mehr zusammen

    Autor: Pascal Reis

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    "I think there's too much talk about sins and not enough about virtues."

    Vermutlich darf sich „Am Sonntag bist du tot“ nicht nur als einer der wichtigsten Beiträge zum Thema 'sexueller Missbrauch und seine Folgen im späteren Leben' titulieren lassen, sondern auch als eine ganz konkrete, zeitweise sogar erschreckend ätzende Infragestellung unserer gesellschaftlichen Definition von Gerechtigkeit und Moral – und letztlich auch deren Dekonstruktion. Pater James Lavelle (Brendan Gleeson) begibt sich wie gewohnt in seinen Beichtstuhl, um sich den Sünden seiner Schäfchen anzunehmen, wenige Sekunden später wird ihm ein Ultimatum aufgebrummt: Bis Sonntag bliebe ihm nun Zeit, mit Gott und der Welt ins Reine zu kommen, und wenn es sich einrichten lässt, könne er ja auch noch seinen Haushalt auf Vordermann bringen, denn den darauffolgenden Montag wird er nicht mehr erleben, erklärt ihm die Stimme von gegenüber. Der Unbekannte selbst wurde als 7-Jähriger bis in das zwölfte Lebensjahr jeden zweiten Tag von einem Geistigen vergewaltigt, trägt die zerfurchten Früchte seiner seelischen wie körperlichen Zerschlagung allerdings erst Jahre später.

    Für die Verbrechen eines Fremden muss nun der aufrichtig erscheinende Pater James Lavelle, dem sich das geschändete Opfer zum ersten Mal über seine Vergangenheit anvertraut hat, herhalten. Vor den Toren Jerusalems befinden wir uns mit „Am Sonntag bist du tot“ nicht mehr, das irländischen Sligo aber birgt ebenfalls Lavelles persönliches Golgatha, wie der weitaus passendere Originaltitel schon verkündet. Das zerklüftete Küstennest ist dabei besiedelt von Menschen, die jeden Glauben an sich und die Welt verloren haben, die vollkommen unfähig scheinen, einen Funken Empathie aufzubringen, Rücksicht auf ihr soziales Umfeld zu nehmen und sich ein Refugium aus beißendem Zynismus errichtet haben: Ehebrecher, Gewaltverbrecher, Misanthropen, Soziopathen – Das Leben hat sie desillusioniert, zerkaut und wie eine faule Traube wieder ausgespuckt. Zum Ende von „Am Sonntag bist du tot“, wenn sich die Situation langsam zuspitzt und Lavelle kurz davor ist, das Durchqueren der fünf Sterbephasen abzuschließen, kommt es zu einer Szene, die den funktionalen Charakter der gesamten Gemeinde auf den Punkt bringt.

    Dr. Frank Harte (Aidan Gillen), der wohl abstoßendste Zyniker im Bunde, schildert dem stark alkoholisierten Pater einen Vorfall, der in seiner unermesslichen Tragik kaum zu verdauen ist: Bei einer Routineoperation ist das zu behandelnde Kleinkind nicht nach Plan aus der Narkose erwacht, sondern durch ärztliches Versagen taub, stumm, blind und gelähmt – Gefangen im Nirgendwo, nur der Geist und Tränen blieben in der geräuschlosen Finsternis. Diese Geschichte bohrt sich letztlich als symbolischer Ankerpunkt der gesamten Handlung in den Film, denn auch in „Am Sonntag bist du tot“ geht es darum, Menschen in den Fokus zu rücken, die unfähig sind, ihre Gefühl in irgendeiner Weise zum Ausdruck zu bringen, unfähig, adäquat zu reflektieren, weil sie durch explizite Vorkommnisse in ihrer Vergangenheit in ein emotionales Gefängnis gesperrt wurden, aus dem man schlichtweg nicht entkommen kann, dessen Gitterstäbe man auch mit höchster Kraft nicht verschieben kann. John Michael McDonagh, der den Film geschrieben als auch inszeniert hat, wechselt die Tonalität nach seinem rabenschwarzen „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“ radikal.

    Sicher, es gibt einige Humorspitzen, die aber sind so brüchig, dass das Lachen unentwegt im Halse steckenbleibt. „Am Sonntag bist du tot“ ist indes nicht daran interessiert, die Kirche als Glaubensinstitution zu verdammen, ohnehin zeigt sich McDonagh für einen Film verantwortlich, der auch für Agnostiker und Atheisten problemlos anzunehmen ist, weil er in seiner Themenbehandlung von universeller Relevanz bleibt, die mit dem nationalen Hintergrund allerdings noch ein Quäntchen an Schärfe gewinnt, ruft man sich die man nur einmal die in Irland vorherrschende Bedeutung der katholischen Kirche ins Gedächtnis. Als zuweilen erschütternder Diskurs über Schuld und Vergebung grast „Am Sonntag bist du tot“ selbstverständlich keine Allgemeinplätze ab, spult kein Hohelied auf den integren Erlöser ab, der die Schuld seiner Mitmenschen auf sich nimmt. Vielmehr funktioniert „Am Sonntag bist du tot“ als gesellschaftliche Spiegelung, die aufweist, wie schnell Wertebilder in seinem System zerschlagen werden können, wie oft wir vor Verbrechen die Augen verschließen, wenn sie uns nicht selbst betreffen und dennoch die (selbst-)zerstörerische Macht der Vorurteile in uns aufflammen lassen.

    Vergebung gut und schön, aber was einmal in Trümmer zerlegt wurde, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Dass „Am Ende bist du tot“ schlussendlich aber so brillant funktioniert, liegt nicht nur am famosen, scharfsichtigen Drehbuch, sondern ebenso an Brendan Gleeson, der einmal mehr unter Beweis stellt, dass er fraglos zu den besten Darstellern gehört und jeder noch so komplexe Rolle gewachsen ist. Wie Gleeson diesen in sich ruhenden, aber auch zweifelnden, innerlich ringenden Geistigen verkörpert, ist in seiner pointierten Subtilität ganz große Performancekunst. Gleeson gibt hier keinen Helden mit weißer Weste, sondern auch mit der Kollar gekleidet einen Menschen, der sich müßig zeigt, Hilfe anzubieten, wo sie ohnehin nicht mehr erwünscht ist, wird er als Repräsentant der Kirche doch unlängst nur noch als Affront verstanden, weil er noch Tugenden darbietet, die offensichtlich nur noch in einer äußerst abstrakten Form der Weltwahrnehmung greifbar scheinen. Traurig, aber leider wahr.

  • „The Voices“ (DE/USA 2014) Kritik – Ryan Reynolds lässt das Morden nicht

    Autor: Pascal Reis

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    „You remember last week when you said that there was an invisible line that separates good from evil and you'd thought you crossed it and I said no no no you're a good boy? I've changed my opinion.“

    Nein, Jerry Hickfang (Ryan Reynolds) hat man gern, gar keine Frage, und um seine Sympathieachse zu betonieren braucht „The Voices“ nicht einmal 5 Minuten. Wenn wir unseren Protagonisten im pinken Overall durch die Badewannenfabrik „Milton, Fixture & Faucet“ schlendern sehen und dieser nach einem Lob seines Chefs ein breitgezogenes Dumpfbackengrinsen auflegt, dann scheint die Welt endlich im Gleichgewicht einzurasten, alles blüht farbenfroh, obwohl nirgendwo ein Blümchen zu sehen ist, der Himmel strahlt in einem wunderbar reingespülten Blau, obwohl über unseren Köpfen doch nur die kahle Decke des industriellen Übermaßes wartet. Grundsätzlich ist es ja schon mal von Vorteil, wenn es einem Film ohne jede Mühsal gelingt, seine Hauptfigur so liebenswert zu gestalten, dass man ihr gerne dabei zu sieht, wie sie ihr Tagwerk verrichtet. Marjane Satrapis „The Voices“ aber hat das Problem, dass der Film sich bereits nach 20 wirklich amüsanten Minuten als vollständig auserzählt erweist und sein inhaltliches Misslingen fortan auf dem Silbertablett serviert.

    Jerry Hickfang ist natürlich nicht einfach nur die freundliche Fabrikarbeitskraft, nein, Jerry Hickfang ist auch der freundliche Psychopath von nebenan. Wenn Jerry zurück in seine Wohnung kommt, erwarten ihn schon Kätzchen Mr. Whiskas und Hund Busco, die ihm in mal mehr, mal weniger obszönem Sprech darauf hinweisen, dass er doch endlich seine Tabletten absetzen sollte, wenn er seine Haustiere denn nicht zum Schweigen bringen möchte. Ja, Jerry Hickfang ist psychisch krank, die Arbeit in der Fabrik soll als eine Art Resozialisierungsmaßnahme fungieren, die genau in dem Moment scheitern wird, wenn Jerry seine Psychopharmaka das Abflussrohr hinunterjagt. Aber meine Güte: Ohne die rigide Medikation ist das Leben nicht nur deutlich wärmer, es ist auch weit weniger einsam, denn neben der vorlauten Katze (Teuflisch!) und dem treuen Hund (Gewissenhaft!) zeigen sich auch Fiona (Gemma Arterton) und Lisa (Anna Kendrick), zwei süße Schnitten aus der Buchhaltung, dem eigentlich herzensguten Jerry etwas aufgeschlossener. Wenn da doch nur nicht diese elende Mordlust wäre!

    „The Voices“ zieht uns in den Kopf des Serienmörders, allerdings weit weniger nachhaltig als es etwa William Lustig mit „Maniac“ oder John McNaughton mit „Henry: Portrait of a Serial Killer“ gelang, was vor allem damit zusammenhängt, dass die beiden Klassiker eine geradlinige Marschroute konzipierten und dieser auch gekonnt folgten. Marjane Satrapi und ihr Drehbuchautor Michael R. Perry wissen nicht nur nicht um das Potenzial ihres Sujets, sie wissen auch den auffällig minimierten Resonanzraum ihrer Inszenierung kaum befriedigend auszukleiden. Die Charaktere entwickeln sich nach den genannten 20 Minuten nicht mehr weiter, der visuelle wie verbale Humor schleift zunehmend, beruft sich auf Repetition und wechselt die anfänglich luftige Skurrilität in einen entschiedenen Zynismus, der die dann und wann erheiternde Komik des Filmes vor allem als reine Kalkulation bestätigt. Es bestand hier die Möglichkeit, eine gnadenlos schwarzhumorige Satire über die morbide Serial-Killer-Faszination der Vereinigten Staaten vom Leder zu reißen, in dem man der Geschichte einen doppelbödige Unterbau verleiht.

    Von bissiger Satire aber ist „The Voices“ weit entfernt, stattdessen darf irgendwann die Vulgärpsychologie-Peitsche zum Vorschein kommen und blutige Striemen auf dem Rücken unseres psychotischen Hauptdarstellers ziehen, was den Film in seinem gesamten Gebaren umso einfallsloser erscheinen lässt. Als leidlich groteske Posse blickt „The Voices“ letzten Endes treu-doof aus der Wäsche und erinnert vor allem daran, doch mal wieder John Waters „Serial Mom – Warum lässt Mama das Morden nicht?“ in den Player zu schmeißen, der war nämlich so reflektiert, das Serienkiller-Motiv auch als Spiegelung eines in Bonbonpapier gehüllten amerikanischen Suburbia zu deuten. In „The Voices“ hingegen funktionieren die Gags ausschließlich ohne anhaltende Halbwertszeit, ohne Hintersinn, ohne Mehrwert, ohne geistreichen Vorstoß: Innereien in gestapelten Tupperdosen, sprechende Köpfe von schönen Frauen im Kühlschrank und der Katzenkot auf der Couch. Dass Ryan Reynolds eine wirklich gute Leistung an vorderster Front abliefert, muss ihm anerkannt werden, wenn auch nur als Wermutstropfen.

  • Helden der Hauptstadt - Besser als Puff: Die 3. Folge ist online!

    Autor: Conrad Mildner

    "Wg-Party, Captain!"

    Wenn es nach Agron und Chris geht, dann könnte jeden Tag gefeiert werden und der Geburtstag von Max ist neben dem Einzug in die neue WG die geradezu perfekte Gelegenheit. Das sich nicht jede Party zu einem Knaller entwickelt und unangenehme Entwicklungen auch in Berlin keine Seltenheit sind, lässt sich da allerdings schon absehen.

    Dank einer geschrotteten Festplatte und diversen Nachdrehs konnte die 3. Folge der No-Budget-Webserie nicht pünktlich online gehen und ließ ganze drei Wochen auf sich warten. Doch nun ist sie hier und erstrahlt in schönstem Berliner Partylicht. Viel Spaß!

    Alle vorherigen Folgen, weitere Infos zur Serie und zu den Hintergründen gibt es auf der offiziellen Seite, auf Facebook und natürlich beim hauseigenen Youtube-Channel.

  • Filmkritiken zu "Who Am I – Kein System ist sicher", "Focus" und "Blue Ruin"

    "Who Am I – Kein System ist sicher" (DE 2014)

    von Baran bo Odar, u.a. mit Tom Schilling, Elyas M'Barek und Wotan Wilke Möhring

    Nachdem Maximilian Erlenwein das deutsche Genre-Kino zuletzt schon mit „Stereo“ im großen Stil in den Sand gesetzt hat, darf nun auch Baran bo Odar mit „Who Am I – Kein System ist sicher“ dort anknüpfen und nachweislich bestätigen, dass es unsere Nachbarn aus Österreich mit dem ganzen Genre-Kram einfach besser drauf haben. Grundsätzlich ging an „Who Am I – Kein System ist sicher“ ein durchaus interessanter Diskurs um die Untiefen der Virtualität, die psychische Disposition und die entscheidende Vernetzung beider Segmente zu einem einheitlichen, von Metaphern umwitterten Komplex verloren. Tom Schilling ist da eigentlich auch der richtige Mann, um der Rolle des von allem und jedem verlassenen Außenseiters mehr Facetten abzuringen, als den (selbst-)bemitleidenden Dackel, der im Laufe der Geschichte zunehmend Selbstvertrauen tankt. Das Drehbuch aber ist nicht an Grauzonen interessiert, sondern drescht permanent Phrasen bis hinein in die Besinnungslosigkeit („Du traust niemandem, nicht einmal dir selbst!“), jede Figur ist genau das, was sie auf den ersten Blick auch vorgibt zu sein, charakterliche Veränderungen dienen einzig als dumpfe Plot Points, nicht aber als gelebte Entwicklungsstufe. Oder anders gesagt: Für „Who Am I – Kein System ist sicher“ ist das Leben eine versteckte Partition, die unbedingt geknackt werden möchte. Und sie wird geknackt.

    "Focus" (USA 2015)

    von John Requa und Glenn Ficarra, u.a. mit Will Smith, Margot Robbie und Rodrigo Santoro

    Nicht ganz so gelungen wie der quicklebendige „Crazy, Stupid, Love.“, aber derart geballter Schwachsinn, dass man Glenn Ficarras und Jon Requas neustem Streich „Focus“ durchaus einige Sympathie zukommen lassen kann. Trickbetrügerei definiert als reiner Hokospokus und die Kunst des Fokussierens, der Nukleus für das Gelingen eines jeden illusorischen Tricks, liegt darin begraben, die Aufmerksamkeit vollends auf sich zu lenken – Na guck mal einer an! Das vollstreckt „Focus“ dann auch schon mit der prominenten Besetzung seiner Hauptrollen und zeigt mit Will Smith und Margot Robbie zwei Schauspieler, direkt aus dem Ei gepellt, in die maßgeschneiderte Klamotte gezwängt und wie die Hochglanzaufnahmen sämtlicher paradiesischer Reiseziele immer blendend aussehend, selbst mit verschmiertem Kajal unter den Augen und eingeschlagener Fresse. Wer allerdings in der Lage ist, „Focus“ auch noch nach der ersten halben Stunde für voll zu nehmen, dem gebührt einiges an Respekt, zünden Ficarra und Requa hier doch eine derart überkonstruierte Twistorama-Bombe, dass man „Focus“ schon nach dem ersten großen Turn nur noch als kompletten Nonsense einordnen kann. Aber der ist ja immerhin spritzig, kurzweilig und total bescheuert. Geht klar.

    "Blue Ruin" (USA/FR 2013)

    von Jeremy Saulnier, u.a. mit Macon Blair, Devin Ratray und Amy Hargreaves

    Vorweg: Wer großzügig geschnittene Blutwurst auf der Stulle erwartet, der tut dem Film gehörig Unrecht. „Blue Ruin“ macht keine Anstalten darum, seine Arme bis zum Ellenbogen im Fundus primitiver Revenge-Flics zu pressen, stattdessen geht es um einen Mann, dessen angestrebte Metamorphose gründlich in die Hose steht – Eben weil Gewalt zwar einen Anfang kennt, niemals aber ein Ende akzeptiert. Seit dem Tod seiner Eltern ist Dwight (Macon Blair) ein auf der Straße vor sich hin vegetierender Zombie, das Leben verläuft ohne ihn, bis ihm die Information zu Ohren kommt, dass der vermeintliche Mörder seiner Eltern wieder auf freiem Fuße ist. Jeremy Saulnier setzt im folgenden Verlauf auf stechenden Naturalismus, kehrt Genre-Bausteine ins Entgegengesetzte und veranschaulicht, wie es wäre, wenn ein Jedermann ohne außerordentliche Skills und abgebrühte Coolness versucht, seinen Rache-Plan zu schmieden und anschließend in die Tat umzusetzen: Zittern, schwächeln, das Übergeben am Straßenrand, Paranoia. In „Blue Ruin“ löst die eruptive Gewalt eine stetige Kettenreaktion aus, Dominostein dockt an Dominostein, und lässt zwei Familien in einen Abgrund hinabsteigen, auf dessen Grund kein kathartischer Befreiungsschlag wartet, sondern der zaghafte Gedanke, sich selbst komplett aufzulösen, um einer anderen Person womöglich doch eine Perspektive zu ermöglichen: Aber keine Zukunft ohne Gewalt im Herzen. Zombies bleiben.

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