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  • "Fürst der Dämonen" (CZ/RU/UA 2014) Kritik – Fantasy-Amalgam ohne Hand und Fuß

    Autor: Pascal Reis

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    „Kreide ist die beste Verteidigung die wir haben. Zieh einen Kreis um dich herum und kein Teufel kann dir etwas anhaben!“

    „Der Wij“ von Nikolai Wassiljewitsch Gogol zählt zweifelsohne zu den renommiertesten Erzählungen der russischen Literatur. Nicht unverständlich ist es daher, dass diese Geschichte auch schon zwei Mal in die weite Welt der Kinematographie transferiert wurde: Sowohl im Jahre 1967, als auch zuletzt Anfang der 1990er Jahre. Wenngleich „Der Wij“ in Russland einen ähnlichen Bekanntheitsgrad genießt, wie in Deutschland etwa „Rotkäppchen“ oder auch „Die sieben Geißlein“, ist das mythologische Abenteuer um den ukrainischen Philosophiestundenten Choma Brut und seiner jähen Begegnung mit einem gar grässlichen Sukkubus in den deutschen Landen noch weitestgehend unbekannt. Dass die nunmehr dritte Adaption des prestigeträchtigen Stoffes, in diesem Fall von Oleg Stepchenko, der zuvor den Actionfilm „Velvet Revolution“ in Szene gegossen hat, höchst wahrscheinlich nichts daran ändern wird, scheint schon irgendwie mit der hiesigen Auswertung für den Heimkinomarkt besiegelt.

    Über die Qualität muss das indes natürlich rein gar nichts aussagen: Zuletzt hat auch „The Guest“ von Adam Wingard unter Beweis gestellt, dass es alljährlich Meisterwerke gibt, denen der Weg ins Kino einfach nicht vergönnt ist. Mit „Fürst der Dämonen“ aber ist nicht der Fall: Anstatt als Highlight die Runde zu machen, quasi wie der Phönix aus der Asche, zeichnet sich Oleg Stepchenko hier für einen Film verantwortlich, den man letzten Endes mit drei Worten sehr gut klassifizieren kann: Ein gescheitertes Projekt. Tatsächlich sollte „Fürst der Dämonen“ schon im Jahre 2009 fertiggestellt werden und Nikolas Wassiljewitsch Gogols Vorlage mit ordentlich Tamtam Tribut zollen. Mit fünfjähriger Verspätung können wir uns nun einen Eindruck davon machen, wie harsch man dieses Jubiläum doch in den Sand gesetzt hätte. Dabei bringt „Fürst der Dämonen“ mit Jason Flemyng („Bube Dame König grAs“) nicht nur einen ordentlichen Darsteller aus der zweiten Reihe mit sich, er verfügt auch über das richtige Maß an Fabulierlust.

    Die markante Optik sticht direkt ins Auge: „Fürst der Dämonen“ ist in wunderbar kontrastreiche Bilder gehüllt (zu Beginn, wohlgemerkt), zwar mit einer deftigen Kelle Color Grading unterstützt, aber immer noch so gefällig, dass man an den pittoresken Landschaftsaufnahmen durchaus hängenbleibt. Im 18. Jahrhundert angesiedelt, steht mit Dzhonatan Grin eine Figur im Mittelpunkt, die nicht unscheinbar an den „Sleepy Hollow“-Hauptakteur Ichabod Crane erinnert: Auch er ist ein Gelehrter, ein Wissenschaftler, bisweilen Bonvivant, der sich fernab seines Berufszweiges und Idealen beweisen muss. Allerdings fehlt Oleg Stepchenko die Sensibilität eines Tim Burton, um Dzhonatan Grain als facettenreiches Epizentrum anzusiedeln: Er bleibt, wie alle Figuren im Bunde, ein leeres Gefäß, ein unbeschriebenes Blatt, eben ein uninteressanter, ein unterentwickelter Held. Natürlich ist das eine Hürde, die der Film nehmen muss, dass man keine emotionale Bindung zur Hauptfigur aufbauen kann, den Spaß an der Sache muss das aber nicht gänzlich drosseln.

    „Fürst der Dämonen“ versagt vielmehr darin, dass er das Schauermär, welches er darstellt, nicht mit dem nötigen Geschick zu einer konstanten Eigendynamik führen kann. Es ist ja schon so, dass nicht einmal ein winziger Funke überspringt und die Reise in das dampfende Moor von Transsylvanien (zu jener Zeit noch ein grauer Fleck auf der Landkarte und vom christlichen Aberglaube dominiert) nur durch ihre synthetische Textur von sich reden machen kann. „Fürst der Dämonen“ ist unglaublich artifizielles Fantasy-Kino, die computergenerierten Effekte vollkommen aus der Zeit gefallen und obwohl das Narrativ vollends auf den phantastischen Moment forciert scheint, gelingt es Oleg Stepchenko zu keiner Zeit, ein kohärentes Ganzes zu formen. Visuell nicht gänzlich reizlos, das stimmt, aber so wirr erzählt und mit deplatziertem Klamauk untermauert, dass „Fürst der Dämonen“ weder ehrlichen Spaß evoziert, noch als von schwarzer Romantik umwitterter Trash Treffer landet. „Fürst der Dämonen“ darf sich mit „The Seventh Son“ oder „Eragon – Das Vermächtnis der Drachenreiter“ in eine unrühmliche Reihe stellen.

  • "Alles steht Kopf" (US 2014) Kritik - Wenn einem die Superlative ausgehen

    Autor: Levin Günther

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    „Stop, Sadness! Think about that funny movie where the dog died!“

    Es dürfte sehr schwierig sein, sich dem Charme, der liebevollen Hingabe, dem Humor und der detailbesessenen Schönheit der Filme aus dem Hause Pixar zu entziehen. Neben der Aufmachung glänzten die Filme der Produktionsfirma aber auch schon seit jeher mit einer Ausgangsposition, die für Kinder und jene, die es wieder werden wollen, einen riesigen Reiz haben dürften. „Toy Story“ markierte einen spektakulären Anfang und brachte uns in die Gefühlswelten des Spielzeugs. „Die Monster AG“ versöhnte das Publikum mit der omnipräsenten Angst vor jeglichen Monstern. Und nun steht mit „Alles steht Kopf“ ein Film auf dem Plan, dessen Situation in pädagogischer wie in genereller Hinsicht ein Jackpot in der weiten Welt der Filmideen ist.

    Alle Filme der Pixel Art-Firma als Streifen für Kinder abzutun ist mit Sicherheit der falsche Schachzug, da diese oft die wirkliche Reichweite, die zum Beispiel der grandiose „Wall-E“ erreicht, noch gar nicht verstehen können. Und auch in diesem Film werden die kleineren Zuschauer hauptsächlich von der ihresgleichen suchenden Inszenierung und dem einfachen und runden Ende profitieren. Die vielen Emotionen sind nämlich ständig am Tun und Machen und reden ständig mit- und übereinander. Auch, wenn sie gar nicht im Bild sind. Das könnte für die jüngeren durchaus zeitweise etwas zu viel werden, was den Spaß zwar nicht verringert, aber eventuell Verständnisschwierigkeiten zur Folge haben könnte. Kinder um die 10 herum jedoch sollten hier nicht nur einen immensen Spaß haben, sondern auch einiges lernen. Denn die Art, wie dem Zuschauer das so abstrakte Konzept der Emotionen, Gedanken und generell dem Innenleben eines jeden Menschen dargelegt wird, lässt einen förmlich jubelnd aufspringen. Gedankengänge, Vorstellungen, imaginäre Freunde, Erinnerungen, Assoziationen, Gefühle, Albträume, … Es sind eine Vielzahl von Konzepten und nicht greifbaren Dingen, die wir nicht steuern können und derer Existenz wir uns oft nicht einmal bewusst sind, die von Pixar jedoch scheinbar so spielend leicht aufgenommen und dargestellt werden, dass es eine Freude ist.

    Riley zieht mit ihren Eltern weit weg nach San Francisco, ihr Vater muss auf einmal mehr arbeiten, das vertraue Umfeld ist komplett weg und sie ist mit ihren Gedanken allein. Da kommen die Emotionen schon einmal durcheinander, wenn Riley mit ihren Aufgaben wächst, die Albernheit der Nüchtern- und Schüchternheit weicht und eine melancholische Trauer langsam aber sicher die optimistische Aktivität überschattet. Riley muss erkennen, dass man als Mensch ein Teil eines großen Ganzen ist und nicht alles beeinflussen oder bestimmen kann. Der Film spielt humoristisch und ernst mit Dingen, die man schnell und zu Unrecht als Klischee abtun kann, die aber oft auf einer biologisch faktischen Ebene basieren. Der Film fängt stark an, hält die Position und kann sich sogar über die Zeit noch verbessern, wenn das Werk zu einem pädagogischen Geniestreich wird. Die Kinder werden ermutigt, sich selbst zu erforschen, über sich nachzudenken, aufeinander einzugehen und sich und seine Mitmenschen zu verstehen. Und gleichzeitig bekommt das Publikum eine Geschichte über Hoffnung, Vertrauen, Zusammenhalt und Freundschaft, vor allem aber über die Signifikanz von Gefühlen serviert. Louis CK, der wohl lustigste weil ehrlichste Melancholiker, sagte einmal, dass die Menschen viel zu oft versuchten, Emotionen mittels Ablenkung zu unterdrücken. Das ist schade, da die Emotionen, egal welcher Art, ob fröhlich, traurig, ängstlich oder wütend, das ehrlichste sind, was wir Menschen haben.

    Pixar steht qualitativ ziemlich weit abgeschlagen an der obersten Spitze am Himmel des animierten Filmes und mit „Alles steht Kopf“ haben sich die lieben Leute der Firma wieder einmal selbst übertroffen. Die Visualisierung des eigentlich nicht Visualisierbaren, sprich des Verstandes und der Emotionen, sind verständlich, angenehm und kurz gesagt: großartig. Die Dichte der Informationen und Eindrücke über die kurze Laufzeit verteilt helfen dabei, Neugier und Spaß stets ganz, ganz weit oben zu halten, was sicherlich auch daran liegt, dass man so etwas vorher noch nicht gesehen hat. Die gewohnt liebevolle Umsetzung macht den Rest. Man muss sich verneigen vor der Originalität, dem Witz, dem Intellekt und der angemessenen Umsetzung einer Idee, die so wohl nur von Pixar kommen kann. Uneingeschränkt zu empfehlen, was auch nicht zuletzt an den tollen Synchronsprechern liegt.

  • "Days and Nights" (USA 2014) Kritik – Familiäre Zwistigkeiten und ein Haus am See

    Autor: Pascal Reis

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    „Die Titte der Hexe muss eingefroren sein.“

    „Days and Nights“ darf sich in die Tradition von Ensemblefilmen stellen, die sich seit Dekaden daran abarbeiten, das dysfunktionale Familiengerüst mit der tatkräftigen Unterstützung von namhaften Personal zu verdichten und menschliche Abgründe an die Oberfläche zu fördern, die sich sukzessive, aber gewaltig wie ein Unwetter am Esszimmertisch zusammenbrauen. Dass es der von Christian Camargo inszenierte Film nicht ganz mit dem Großkaliber eines „Im August in Osage County“ aufnehmen kann, steht außer Frage, allerdings muss das hier in Deutschland direkt für den Heimkinomarkt erschienene Werk den Vergleich zu John Wells' Kleinod nicht scheuen, divergiert die künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Sujet der ominösen 'Familienbande' doch von Grund auf: Während „Im August in Osage County“ von Beginn an den introspektiven Blickwinkel sucht und seine Charaktere mit impulsiver Zugkraft entblättert, driftet „Days and Nights“ in philosophische Sphären ab, was den Sturz umso schwerer nachhallen lässt.

    Christian Camargo, den man als Schauspieler aus den Erfolgsformaten „Dexter“ oder „House of Cards“ kennen dürfte, lädt in seinem von Anton Tschechows „Die Möwe“ inspirierten Debütfilm eine ganze Armada bekannter Darsteller in das provinzielle New England der 1980er Jahre. Dass es bei dem hier ins Fadenkreuz genommenen Aufprall verschiedener Charaktere und Lebensentwurf zwangsläufig auf den großen Knall hinausläuft, macht „Days and Nights“ von Anfang an klar, wenn sprudelnder Missmut und existentielle Ängste durch das filmische Territorium mäandert. Ausgangspunkt sind Elizabeth (Allison Janney, „“), die zusammen mit ihrem neuen Galan Peter (Christian Camargo) anlässlich des Memorial-Day-Wochenendes an den See fahren, wo sich schon der Rest der Sippe und Sympathisanten lümmeln (darunter William Hurt, Ben Wishaw, Jean Reno und Katie Holmes). Aber wo Mann und Frau auf sich gestellt sind, abgeschnitten von der Zivilisation, alleingelassen mit ihren Neurosen, ihren Spleenen und – vermutlich das größte Problem – mit sich selbst.

    Die heilen (Familien-)Schalen platzen relativ schnell und „Days and Nights“ sucht in den obligatorischen Redundanzen ein Ablassventil, um die im Argen schlummernden Katastrophen auszuweiden. Dabei stilisiert Camargo, der selbstverständlich auch das Drehbuch verfasst hat, die Natur und ihre Mystik als spirituelles Terrain und deutet sie folgerichtig auch als Hort der Rückbesinnung. Am Ende bleibt „Days and Nights“ ein (inner-)familiärer wie partnerschaftlicher Kampf um reine Hoffnung und die Erkenntnis, das man sich auf zwischenmenschlicher Ebene immer durch Eigenheiten und Unstimmigkeiten näherkommt, als durch das vollkommene Einverständnis in jedweder Lage. „Days and Nights“ aber ist zu verkopft in seinem Gebaren, zu sehr darin festgefahren, sich über Allgemeinplätze zu mühen, um am Ende doch zu einem Resultat zu gelangen, zu dem auch schon die seichte gruppentherapeutische Versuchsanordnung „Sieben verdammt lange Tage“ mit Jason Bateman im letzten Jahr gekommen ist.

  • "Insidious: Chapter 3 - Jede Geschichte hat einen Anfang" (CA/US 2015) Kritik - Ein entbehrliches Prequel

    Autor: Pascal Reis

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    "No matter what happens. No matter what you see. Stay strong."

    James Wan darf sich dank „Insidious“ oder „The Conjuring – Die Heimsuchung“ als eine Art (Neu-)Initator des großspurigen Horror-Blockbusters definieren lassen, hat der Australier es doch vollbracht, mit diesen Filmen das Mainstreampublikum in Scharen abzuholen und Unsummen in die Kinokassen zu spülen. Die Konsequenzen dessen kamen auf dem Fuße: Beide Werke werden nun und in Zukunft bis zum Erbrechen gemolken (aber das kennt der kreative Kopf hinter „Saw“ ja ohnehin schon). Zu „The Conjouring – Die Heimsuchung“ wurde im letzten Jahr auch schon ein desaströses Spin-off namens „Annabelle“ veröffentlicht, bei dem Regisseur John R. Leonetti in sagenhafter Inkompetenz gleich mal veranschaulichte, wie man einem Roman Polanski NICHT Tribut zollt. Aber bevor sich im nächsten Jahr „The Conjuring 2: The Enfield Poltergeist“ flächendeckend über die Lichtspielhäuser ausbreiten darf, steht nun erst mal „Insidious: Chapter 3 – Jede Geschichte hat einen Anfang“ bereit und klopft an die Pforten, um sich die wohlverdiente Schelte abzuholen.

    Kein Problem! Dass „Insidious“ und „The Conjuring – Die Heimsuchung“ ordentlich Geld gemacht haben, steht ja prinzipiell in keinerlei Konnex zur eigentlichen Qualität der einzelnen Filmen. Und wenn man sich diese Horror-Flics einmal zu Gemüte führt, wird man auch relativ schnell feststellen können, dass James Wan sich hier einer unfassbar simplen Methodik bedient, die, einfach weil sie schlichtweg so billig gestaltet daherkommt, auch einen dementsprechend hohen Anklang findet: „Insidious“ hat sich als motivischer „Poltergeist“-Epigone schon den größtmöglichen Konsens in seinem Sujet gesucht und erzählt erst einmal von ganz konkreten, weltlichen Dingen, wie das Familienleben und die Sorge von Eltern, wenn ihrem Sprössling etwas zustößt. Wer nun allerdings glaubt, James Wan würde sich in den Mitteln des Spannungsaufbaus auch von den großen Vorbildern inspirieren lassen und auf eine sukzessiv-entfaltete Atmosphäre bauen, der täuscht sich gewaltig. Obwohl sich Wan doch als ein durchaus genreaffiner Zeitgenosse gibt, dessen Output von einem gewissen Referenzreichtum zehrt, baut er immerzu auf eine Sache: Jump Scares.

    Wenn ein abgedunkelter Raum in der Behausung betreten wird, darf man sich sicher sein, dass in den nächsten Sekunden aus irgendeiner Ecke eine fiese Fratze emporschwingt und von der Tonspur durch ein ohrenbetäubendes Grollen akzentuiert wird. Das mag dosiert effektiv erscheinen, ist in dieser Fülle aber nur ein äußerst schwacher Hilfeschrei. Dieser Trend setzte sich selbstredend fort und scheint nun auch in „Insidious: Chapter 3 – Jede Geschichte hat einen Anfang“ das höchste der Gefühle zu sein, wenn es darum geht, den Zuschauer in Angst und Schrecken zu versetzen. Leigh Whannell, der zuvor schon Nebenrollen in den Filmen von James Wan für sich verbuchen konnte, wird für das Prequel nun das Privileg zuteil, es sich auf dem Regiestuhl gemütlich zu machen. Schon „Insidious: Chapter 2“ kam deshalb ein Stück weit ärgerlicher um die Ecke als sein Vorgänger, weil er den mystischen Charakter von „Insidious“ pulverisiert und totlabern musste, was man nicht totlabern sollte. Dass es sich bei „Insidious: Chapter 3 – Jede Geschichte hat einen Anfang“ nun – Die Regeln einer Trilogie verlangen es – um die ominöse Vorgeschichte handelt, stellt dem Zuschauer erst recht die Nackenhaare zu Berge.

    Im Epizentrum steht die Adoleszente Quinn (Stefanie Scott), die nach dem Tod ihrer Mutter mit ihrem Vater Sean (Dermot Mulroney) in ein neues Haus in Chicago zieht. Dass man den Verlust der eigenen Mutter natürlich nicht postwendend verarbeiten kann, macht es verständlich, dass man in der Stunde höchster Trauer auch einen Draht zum Spiritismus entwickelt, um womöglich auf diesem Wege Kontakt zur Mutter aufzubauen. Wie Elise Rainier (Lin Shaye) zu Anfang aber mahnend erwähnt, hallt der Ruf in das Jenseits nicht nur bis zu einer sondierten Person vor, sondern lockt das gesamte Reich der Dahingeschiedenen an – Und damit auch die garstigen Dämonen, die einen mit Vorliebe um den gesunden Schlaf bringen. „Insidious: Chapter 3 – Jede Geschichte hat einen Anfang“ wandelt sodann durch dramaturgisch höchst abgeschmackte Gassen, lässt erst einmal nur die Dielen knarren und eine finstere Silhouette hinter dem sich wogenden Vorhang vermuten, bis sich die Spekulationen verhärten und nur noch das Medium Elise und zwei nerdige Geisterjäger (darunter auch Leigh Whannell) Abhilfe leisten können.

    „Insidious: Chapter 3 – Jede Geschichte hat einen Anfang“ bringt durchweg den pelzigen Geschmack von marktwirtschaftlichem Kalkül mit sich. Selbstverständlich leistet Whanell formal durchaus kompetente Arbeit, die Bilder jedenfalls sprechen dafür,dass hier kein absoluter Dilettant am Werke ist. Es bringt nur alles nichts, wenn man diese Einstellungen nicht mit der entsprechend gespenstischen Verve auszukleiden weiß und den inflationären Einsatz von Jump Scares immer noch als alleinigen Stimmungsmacher versteht. Aus den Winkeln schnellen sie hier polternd hervor, die Dämonen und Seelenfresser, während das Haunted House sowie die altbackene Besessenheitskiste grundsätzlich zu den Genre-Topoi zählen, mit denen (in dieser spezifischen Preisklasse) der Mammon immer irgendwie zum Rollen gebracht wird. Dem eigentlichen Geist eines echten Horrorfilms wird man mit dieser maroden Marschroute nicht gerecht, man begräbt ihn vielmehr unter dem Ausbuchstabieren jeden Anflugs auratischer Mystik, den aseptischen Aufnahmen, und den penetrant aufflackernden Soundeffekten. Einziger Silberstreif am Horizont ist hier, dass Lin Shaye als tragende Figur endlich auch die angemessene Screentime zugesprochen bekommt.

  • "Mad Max: Fury Road" (AU 2015) Kritik – Es gibt keine Flucht vor Erinnerungen

    Autor: Pascal Reis

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    „My name is Max. My world is fire and blood.“

    Über 30 schier endlose Jahre sind nun schon ins Land gezogen, seitdem Mel Gibson zum ersten Mal in die Rolle des Max Rockatansky geschlüpft ist und in George Millers Kultfilm „Mad Max“ eine der ikonischen Figuren seiner Filmographie zum Leben erwecken konnte. Mit „Mad Max II – Der Vollstrecker“ hat man 1981 auch mit einem der besten Action-Kracher aller Zeiten nachgelegt, um die Reihe dann vier Jahre später mit dem enttäuschenden „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ zu einem doch recht unrühmlichen Abschluss zu führen. Bis jetzt. Man soll es nicht für möglich halten, aber das Schicksal meinte es sehr gut mit den Filmfreunden und hat ihnen mit „Mad Max: Fury Road“ tatsächlich einen vierten Teil spendiert – Inszeniert von dem bereits 70-jährigen George Miller. Dass das Ganze, trotz dieser eigentlich vielversprechenden Voraussetzung, auch deftig in die Hose gehen könnte, haben allerdings schon viele andere Fortsetzungen, Reboots und Remakes in der Vergangenheit bewiesen.

    Aber es ist ja auch ein wahrer Knochenjob, den Geeks und Fans eines bestimmten Produkts vollends gerecht zu werden. Dass George Miller die Erwartungen der „Mad Max“-Anhängerschaft nicht nur bestätigt, sondern glatt übertroffen hat, ist ein wahrer Segen – Und genau das trifft dann auch rückwirkend auf „Mad Max: Fury Road“ zu. Dieser Film ist ein wahres Geschenk für die kontemporäres Kinoleindschaft und ein berauschender Gegenentwurf zu „Marvels The Avengers – Age of Ultron“ und Co, die ihre filmische Komfortzone in der schieren Sturheit eingerichtet haben, um dem Massenpublikum das zu bieten, was es für den schnellen Happen zwischendurch benötigt: Abziehbildchen, synthetische Set Pieces und plakative Wertevorstellungen. Und diesen enervierenden Gegebenheiten stellt sich „Mad Max: Fury Road“ als wahre Antithese gegenüber. George Miller weiß hier von Beginn an, wie er den Film aufbauen und entwickeln muss, so dass sich das Konzept über eine Laufzeit von 120 Minuten zu keiner Zeit erschöpft.

    „Mad Max: Fury Road“ verzichtet auf jeden Expositionszinnober, sondern geht direkt in die Vollen: Von den Warboys übermannt, wird Max (Tom Hardy) in die Zitadelle des Despoten Immortan Joe geführt, der von seinen blassen Vasallen wie ein religiöser Führer verehrt wird. Hier soll Max als Blutreservoir für Nux (Nicholas Hoult) dienen. Zeitgleich entscheidet sich Imperator Furiosa (Charlize Theron) dafür, mit einer Gruppe Frauen Reißaus zu nehmen, anstatt zu ihrem Gebieter Immortan Joe zurückzukehren. In diesen Tagen ist nicht allein Wasser das höchste Gut, sondern auch Frauen, die Immortan Joe systematisch als Zapfanlage und Brutstätten ausnutzt. Die sich sodann anbahnende Verfolgungsjagd zwischen den Warboys und Furiosa wird mit Sicherheit in keinem Abschlussbericht diesen Jahres fehlen, wenn es darum, welche Szenen sich im Kinojahr 2015 so richtig tief in die Gehirnwindungen eingefräst haben. Und das hat seinen Grund: Lange nicht mehr hat es Film geschafft, die computergenerierten Effekte mit realen Bestandteilen so gekonnt abzumischen, um daraus einen Eindruck purer graphischer Analogizität zu formen.

    Eigentlich hat der Hochleistungsrechner in so gut wie jeder Szene nachgeholfen, das steht nun fest, allerdings nutzt „Mad Max: Fury Road“ den Einsatz dieser digitalen Unterstützung äußerst geschickt: Die Schauspieler wurden (bis auf einige Ausnahmen, zum Beispiel die famose Sequenz im Inneren des Sandsturmes) tatsächlich in die halsbrecherischen Situationen geworfen, sind mit über 160 Meilen pro Stunde durch die Gegend gebrettert und mussten dabei von einem Boliden zum Gegenüberliegenden hechten, während der Computer die Hintergründe, den Himmel, das Kolorit der Bildauflösung bearbeitet hat. Die Action-Szenen aber müssen, sofern man etwas mit diesem Sujet anfangen kann, als Meisterleistung beschrieben werden, was natürlich auch nicht unwesentlich mit John Seales hervorragender Kameraarbeit und der musikalischen Untermalung von Junkie XL zusammenhängt: „Mad Max: Fury Road“ wirbelt dermaßen viel Staub auf, dass es einem vor der Leinwand selbst schwerfällt, Luft zu holen. Wenn die motorisiert-röchelnden Schlachtrösser aufeinanderprallen, entfacht sich eine wahre Urgewalt von Feuerbrunst.

    Was George Miller hier in all seiner sich vollends auszahlenden Erfahrung auf die Beine gestellt hat, ist ein von der ersten bis zur letzten Einstellung brillant rhythmisierter Sinnesrausch, paralysierendes Bewegungskino, ein fetziger Tanz der Partikel, intensiviert durch die drängende Kraft kreischender E-Gitarren-Soli und dem dröhnenden Grollen, wie es sich einzig im Herzen einer Gewitterfront bündelt. „Mad Max: Fury Road“ ist einer der Filme, bei dem man wirklich glaubt, ein jedes Blinzeln reiße sich zusehends ein Stück zu viel dieser durch und durch archaischen Brillanz unter den Nagel – Eben ein Paradebeispiel dafür, wozu Bilder in der Lage sind zu erzählen, wenn man ihnen nur das Wort erteilt. Und das gilt auch für die emotionale Grundierung der Geschichte. Sowohl Max als auch Furiosa sind Charaktere, die ihre innere Zerrissenheit nicht verbalisieren müssen, „Mad Max: Fury Road“ lässt den Zuschauer die Landschaften in ihrer Mimik erkunden; die Schuldgefühle, die Suche nach einem Sinn, nach Erlösung und einer Zukunft.

    George Miller dramatisiert das Szenario nicht, er weidet sich nicht an plumper Melodramatik oder Psychologisierung, „Mad Max: Fury Road“ berührt vielmehr durch das, was nicht ausgesprochen wird, das, was nicht man nicht sieht, aber fortwährend spürt. Mad Max und Furiosa sind, genau wie der Satellit, der unter unzähligen Sternen am Firmament einsam seine Runden zieht, Überbleibsel der alten Welt: Und weil sie miterlebt haben, dass dieser Zustand, in dem sich die Welt nun mal befindet, durch das Handeln des Menschen verschuldet wurde, bleibt keine Zeit, die Verantwortung für ihr Tun abzutreten. Furiosa und die Damen auf ihrer Rückbank haben die Chance ergriffen, den Qualen unter der Führung Immortan Joe zu entfliehen, sie allerdings suchen keinen Neuanfang, der nur ihnen das verlorengeglaubte Heil verspricht, sondern allen, die bereit sind, einen Ausbruch in Angriff zu nehmen. Schlussendlich müssen Max und Furiosa allerdings einsehen, dass es nicht die Flucht ist, die die Lage verändern könnte, sondern die Konfrontation mit dem Übel – und damit in gewisser Weise auch mit ihren Erinnerungen, ihrem Scheitern, ihrem wahren Ich.

    Es ist nicht nur das allseits verschrieene Manifest des Wahnsinns, für das „Mad Max: Fury Road“ einsteht. George Miller hat genauso eine Ode an den Kampf für die Freiheit als auch eine Hommage an die Frau und ihre unbändige Willensfähigkeit inszeniert. Diese grell-groteske, postapokalyptische Oper wird von einem Dirigent in Schacht gehalten, der versteht, wie man Charaktere in einem so stringent nach vorne gerichteten Film zeichnet, wie man ihnen eine gewisse Tiefe zugesteht und darüber hinaus auch noch einen überzeitlichen Zusammenhalt kreiert. Immortan Joe, dieser längst verblichene Kämpe vergangener Tage, geriert sich in Rüstung und hinter furchteinflößender Maske als die letzte Konstante dieser von jeder Ordnung befreiten Welt: In Wahrheit bildet seine Figur nur die Spitze eines an den blinden Gehorsam gekoppeltes Zerrbild religiösem Fanatismus – Und den gilt es zu zerschlagen. „Mad Max: Fury Road“ ist tatsächlich dieses stimulierend-euphorisierende Erlebnis, von dem an allen Ecken und Enden gesprochen wird, es ist ein kinetisches Genre-Meisterwerk, das von so reichen Bilder zehrt, dass es ein wahrer Genuss ist. Believe the hype.

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