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  • "22 Jump Street" (USA 2014) Kritik – Der chaotische Undercover-Einsatz geht in die zweite Runde

    Autor: Sebastian Groß

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    “We're like Batman and Robin, but we're both Batman.”

    Schmidt und Jenko sind wieder da. Nach dem Erfolg ihres letzten Einsatzes bekommt das ungleiche Cop-Duo einen neuen Auftrag. Diesmal sollen sie am College den Ursprung einer neuen Droge ausfindig machen. Kein einfacher Job, denn die Freundschaft der beiden ungleichen Undercover-Polizisten wird auf der Universität auf eine äußert harte Probe gestellt.

    Vor einigen Jahren gab es einen kurzlebigen Blockbuster-Trend: bekannte Serienklassiker neu für die große Leinwand neu zu adaptieren. Mit „Charlie’s Angels“, „Wild Wild West“ oder „S.W.A.T. – Die Spezialeinheit“ gelangen damit sogar ein paar kapitale Erfolge. Natürlich war es nicht das erste (und ganz sicher nicht das letzte) Mal, dass eine TV-Serie als Vorlage für einen Kinofilm herhalten muss, aber es war genau zu dieser Zeit, als die Idee aufkam, die Krimiserie „21 Jump Street“ dem Kinopublikum zu servieren. Es dauert dann aber doch noch etwas, bis Undercover-Cops, die sich als Schüler tarnen, ihre Ermittlungen auf Zelluloid aufnehmen konnten. Bis dahin befand sich das Projekt in der sogenannten development hell. Aus dieser heraus kam das Unterfangen, als sich Jonah Hill dafür interessierte. Doch dass mit Hill, dessen Leistungen in „Moneyball“ oder „The Wolf of Wall Street“ noch blanke Zukunftsmusik waren, wohl kein klassischer Krimi dabei herauskommen würde, war klar und als dann noch Channing Tatum als sein Buddy einstieg, ahnten die meisten wohl eines: ein totales Desaster.

    Doch es kam anders. „21 Jump Street“ wurde nicht nur kommerziell erfolgreich, nein, auch bei der Kritik überwiegten die positiven Meinungen. Denn der Film, der das Realfilmdebüt des Regie-Duos Phil Lord und Chris Miller („Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“) war nicht nur ein totaler Anarcho-Ulk, sondern auch ein gewitzter Kommentar auf sein eigenes Genre - dass der Komödie -, sowie eine sehr zielstrebige Abrechnung mit der akuten Ideenarmut Hollywoods, die seit viel zu langer Zeit originäre Stoffe ausklammerten und sich stattdessen auf Sequels, Prequels, Romanadaptionen von Bestsellern, Remakes sowie Reboots konzentrierten. Das nach „21 Jump Street“ recht bald eine Fortsetzung entstehen sollte war deswegen auch nicht sonderlich verwunderlich, denn eine Kuh die überaschenderweise viel Milch gibt, kann man ja auch mehrmals melken. Außerdem: warum sollten die Macher die Bühne eines zweiten Teils nicht nutzen, um sich über den Sequel-Wahn lustig zu machen? Doch damit verbunden stellt sich auch eine andere Frage: Gibt es nicht andere, clevere und kreativere Möglichkeiten, um Filmfortführungen humoristisch zu verarbeiten als, nun ja, als Filmfortführungen? Eine Frage, die mehr noch ein Vorwurf ist. Ein Vorwurf, den „22 Jump Street“ nicht wirklich entkräften kann.

    Trotz allem funktioniert das hämische Spiel, vor allem auch deshalb, weil sich „22 Jump Street“ im komödiantischen Meta-Bereich auch mit anderen Trends der Popkultur beschäftigt. Vor allem die sogenannte Bromance (eine leidenschaftliche Männerfreundschaft, wie sie z.B. in „Scrubs“ oder „How I met your Mother“ tausendfach propagiert wurde) wird sich angenommen. Via Ulk wird dabei der homosexuelle Tonus dieser Freundschaften aus dem Schatten gezerrt. Elegant ist das Ganze nicht und wie bei so einigen Gagideen in „22 Jump Street“ wird’s recht schnell zu durchschaubar und vor allem zu repetitiv. Daraus resultiert dann auch eine alles überschattende Hektik, die vor allem den Showdown zu einer an den Nerven sägenden Angelegenheit macht. Das ist dann so übertrieben und über alle Maßen exzessiv, dass es zwischen parodistischer Referenz auf die letztjährigen Komödienerfolge aus den Vereinigten Staaten und unbarmherzig zähen Dadaismus umher pendelt. Es ist den Regisseuren Miller und Lord durchaus zu zutrauen, dass dies auch ihr Plan war. Ihr letzter Film „The Lego Movie“ war so gewitzt wie chaotisch und stressig.

    In den letzten Jahren versorgte uns die amerikanische Filmindustrie mit diversen R-Rated-Comedys. Aber egal ob „Wir sind die Millers“, die „Hangover“-Trilogie oder zuletzt „Bad Neighbors“, letztlich war das alles nur Malen-nach-Zahlen. Das Befolgen eines standardisierten Protokolls. „21 Jump Street“ und „22 Jump Street“ arbeitet auch mit dieser Liste von Zuschauerwartungen, die abgehakt werden sollen. Alleine dieses eigene Bewusstsein verschafft den beiden Filmen eine ganz persönliche, wohltuende Note. Die kecke Beiläufigkeit, mit der die Erwartungen dann erfüllt oder eben mit großem Buhei ins Feuer geworfen werden ist launig, wird aber sicherlich das Kinopublikum spalten. Für die einen eine wohltuende Abrechnung, für andere eine laute, grölende Dummheit. Aber egal ob man jetzt vergnügt oder genervt den Abspann erreicht, den sollte sich jeder angucken. Wer selbst dort nicht die parodistische Absicht hinter „22 Jump Street“ erkennt, der hält wohl selbst „Hangover 2“ für große Komödienkunst.

  • "Nightcrawler": Erster Trailer zum Thriller mit Jake Gyllenhaal

    Autor: Pascal Reis

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    Wie mir der Trailer gefällt: Jake Gyllenhaal versackt als Journalist für Recherchen im Sumpf des Verbrechens von Los Angeles. Der Trailer zeigt unmissverständlich auf, dass es in Dan Gilroys "Nightcrawler" äußerst atmosphärisch zur Sache gehen wird. Außerdem scheint der abgemagerte Jake Gyllenhaal erneut eine famose Leistung abzuliefern, aber mit ihm im Cast ist man inzwischen ja eh immer auf der richtigen Seite. "Nightcrawler" gehört auf jeden Fall zu den interessanteren Projekten der nächsten Zeit.

    Der deutsche Kinostart ist leider noch unbekannt.

  • "Drachenzähmen leicht gemacht 2" (USA 2014) Kritik - Die Drachenreiter fliegen tief

    Autor: Stefan Geisler

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    "Good dragons under the control of bad people do bad things."

    Der Animationsfilm steckt wieder in der Krise. Nachdem der ehemalige Heilsbringer Pixar seine originären Filme zugunsten gewinnbringender Se- und Prequel-Ware auf ein Minimum reduziert hat, wurde bereits vor Jahren der Untergang des Animationsfilms heraufbeschworen. Glücklicherweise kam es bisher nicht zu dem befürchteten qualitativen Verfall, denn auch wenn die großen Studios inzwischen fast ausschließlich auf bewährtes Material setzen, das den finanziellen Erfolg an der Kinokasse quasi schon durch seinen Namen allein garantiert, hatte man zumindest bisher immer das Gefühl, dass zumindest der Genre-Primus Pixar seinen Erfolgs-Filmen Fortsetzungen mit Herz spendiert. Dennoch ist man als Zuschauer bereits seit einigen Jahren für jeden frischen Wind im Genre dankbar. Dementsprechend hoch waren 2010 die Begeisterungsstürme von Kritikern und Genreliebhabern, als das Animationsstudio Dreamworks seinen Film „Drachenzähmen leicht gemacht“ veröffentlichte. Der rasante und meisterlich inszenierte Animationsfilm forderte sein jüngeres Publikum merklich und zudem schreckten die Regisseure und Drehbuchautoren Chris Sanders und Dean DeBlois auch vor radikalen Entscheidungen nicht zurück. Dieses Jahr kommt nun die Fortsetzung des Animationsspektakels in die deutschen Kinos und auch wenn sich „Drachenzähmen leicht gemacht 2“ technisch weiterhin auf einem sehr hohen Niveau bewegt, kann die Geschichte um den jungen Wikinger Hicks und seine ungewöhnliche Freundschaft zu dem Drachen Ohnezahn im zweiten Anlauf nur noch bedingt überzeugen.

    Berk ist wieder in Gefahr! Fünf Jahre nachdem die Wikinger ihren Frieden mit den schuppigen Bewohnern der Lüfte geschlossen haben, müssen Hicks und seine Freunde wieder um ihr beschauliches Heimatdorf fürchten. Auf einem Ausflug entdecken Hicks und sein Drachen-Freund Ohnezahn eine Vorhut der Armee des furchteinflößenden Wikingerkriegers Drago Blutwurst. Dieser versklavt die friedliebenden Drachen und lässt diese für sich in die Schlacht ziehen. Natürlich können Hicks und Ohnezahn ein solch skrupelloses Verhalten nicht dulden und beschließen sich Drago Blutwurst zu stellen.

    Gemeinsam mit den Zuschauern sind auch die Charaktere aus dem Animationsfilm „Drachenzähmen leicht gemacht“ gealtert. Das Sequel des Wikinger-Spektakels setzt ganze fünf Jahre nach den Geschehnissen des ersten Teils ein. Eigentlich sollte eine solche Ausgangssituation doch eine Steilvorlage für ambitionierte Drehbuchschreiber sein, denn aus den postpubertären Auswüchsen der jugendlichen Wikingerhelden hätten sicherlich einige unterhaltsame Momente entstehen können. Leider bleiben diese Chancen zumeist ungenutzt, denn wirklich bemerkbar in der Charakterzeichnung macht sich der Zeitsprung nicht. Leichte Bartstoppeln bei den jüngeren und die ersten grauen Haare bei einigen älteren Wikingern sind alles, was dem Dreamworks-Animationsteam eingefallen ist. Auch das hormonelle Chaos der Wikinger-Sprösslinge wird lediglich angedeutet, denn außer der ersten großen Liebe, die hier natürlich durch den Einsatz betörender und x-mal gesehener Super-Zeitlupen-Aufnahmen Einzug hält, bleiben die jungen Drachenreiter erstaunlich blass.

    „Drachenzähmen leicht gemacht 2“ hat sich mit großen Schritten dem Mainstream-Publikum angenähert. „Größer! Weiter! Schneller!“ lautet die Parole dieser Fortsetzung. Die detaillierte Ausarbeitung der Charaktere wurde zugunsten actiongeladener Kampfsequenzen in den Hintergrund gerückt. Vielleicht auch besser so, denn die einzelnen Charaktere wirken inzwischen sehr auf den Massenmarkt angepasst, haben Ecken und Kanten eingebüßt oder kommen im wilden Treiben gar nicht erst zu Wort. Darunter haben besonders die Frauenfiguren im Film zu leiden. Eine der schönsten Szenen im ersten Teil war jene, in der Wikingerhäuptling Haudrauf seinem Sohn Hicks feierlich einen Helm aus einer Hälfte des Kampf-Brustpanzer seiner Mutterüberreicht. Hier wurden bestehende Schönheitsideale bewusst außen vor gelassen und so in wenigen Sekunden das Bild einer selbstbestimmten, kämpferischen Frauenfigur erschaffen, die sich bewusst abhebt von anderen Vertreterinnen ihres Geschlechts in Animationsfilmen. In „Drachenzähmen leicht gemacht 2“ wird nun eben jene Figur eingeführt und leider entspricht diese gerade in ihrer Erscheinung nicht dem Bild, das durch die kurze Charakterisierung im ersten Teil generiert wurde. Warum nun ausgerechnet Hicks Mutter aussehen muss wie eine nordische Schönheitskönigin, die schlank, faltenfrei und mit einer ungesund jugendlichen Ausstrahlung durch den Film schreitet, werden wir wohl nie erfahren.

    Fazit: Spektakuläre Flugszenen und fulminante Schlachtspektakel: In Dean DeBlois „Drachenzähmen leicht gemacht 2“ stehen eindeutig die Schauwerte im Vordergrund. Leider wird darüber zu oft vergessen, dass gerade die wundervoll gezeichneten Charaktere den Charme der Serie ausgemacht haben. Freunde rasanter Animationsunterhaltung werden dennoch voll auf ihre Kosten kommen.

  • "Gilmore Girls" Staffel 1 (USA, 2000) Kritik – Eine bessere Welt

    Autor: Sebastian Groß

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    „This is not a herbal tea morning, this is a coffee morning.“

    Es gibt Serien, die gelten als geschlechtsuniversell. Gerade im aktuellen Serien-Boom wird wenig Zeit darauf verwendet, eine Serie einer weiblichen oder männlichen Zuschauerschaft einzuordnen. Doch noch immer gibt es sie, die episodenhaften, narrativen Produkte der verschiedenen Sender, die sofort mit einem Geschlecht assoziiert werden. Eine Frau schaut „Spartacus: Blood and Sand“?! Da schnellt so manch eine Augenbraue in die Höhe. Ja, die Gender-Schublade wird gerne und oft (sowie vorschnell) geöffnet. Auch meine Brauen schießen fast schon instinktiv in die Höhe, wenn mir ein Freund erzählt, dass er gerne „Desperate Housewives“ oder „Eine himmlische Familie“ sieht. Zum Kanon dieser „Frauenserien“ gehört zweifelsohne auch „Gilmore Girls“, die es insgesamt auf sieben Staffel und eine große wie internationale Fangemeinde brachte.

    Lorelai, 32, lebt mit ihrer 16jährigen Tochter Rory in Stars Hollow, einen verschlafen-gemütlichen Nest irgendwo in Connecticut. Da Rory eine sehr begabte Schülerin ist, will sie ihre Mutter auf eine Privatschule schicken, damit das Töchterchen ihren Trau erfüllen und in Harvard studieren kann. Doch dafür fehlt allerdings das nötige Geld. Dies bekommt das Mutter-Tochter-Duo schließlich bei Lorelais vermögenden wie spießigen Eltern. Doch als Gegenleistung müssen Lorelai und Rory jeden Freitagabend zum Essen kommen. Vor allem für Lorelai, die ihre Eltern einst im Streit verließ und lernen musste auf eigenen Beinen zu stehen, ein großes Opfer. Aber auf die Gilmore Girls warten noch ganz andere Probleme.

    „Gilmore Girls“ spielt mit den Träumen und Hoffnungen seiner Zuschauer an eine bessere Welt. Der Handlungsort Stars Hollow ist ein Hort der Lebensfreude: Kein Schmutz, eine hübsches, amerikanisches Straßenbild und überall verschiedenen Typen von Einwohnern, deren Macken allesamt liebenswürdig sind. Dazu kommt noch die zentrale Mutter-Tochter-Beziehung, die mit ihrem gegenseitigen Verständnis eine Idylle generiert, die jede andere familiäre Beziehung wie einen schlechten Witz erscheinen lässt. Eingekreist wird dies alles durch den Kontrast, der immer dann entsteht wenn die „Gilmore Girls“ zu Gast bei den Eltern, bzw. Großeltern sind. Freigeister treffen dann auf Konservativsten und die Drehbuchautoren schreiben sich die Finger wund, denn geredet wird viel und gerne. Dass ein Script zu einer Episode oftmals doppelt so lang war, wie das Drehbuch einer anderen Serie überrascht nicht, denn Serienschöpfer Amy Sherman-Palladino nutzt Verbalität konsequent und ungehemmt. Es wird wirklich über alles gesprochen und dies gerne ausgiebig. Dank eines überaus ansehnlichen Sprachwitzes, (welcher sich nur komplett in der nicht synchronisierten Fassung entfaltet) ist dies aber vielleicht sogar die größte Stärke der „Gilmore Girls“. Auch wenn somit das erklärte Ziel oftmals erst nach einer gefühlten Ewigkeit erreicht wird.

    Das zweite Standbein der Serie sind (wäre hätte es gedacht?) die beiden Titelheldinnen. Lauren Graham die drei Jahre nach Serienstart noch Analverkehr mit Billy Bob Thornton in der Anarcho-Komödie „Bad Santa“ von Terry Zwigoff („Ghost World“) hatte, entwickelte sich mit ihrer Rolle als junge, energetische Jungglucke einer Teenagertochter zum Sinnbild für einen gesellschaftlich attraktiven Muttertypus. Ihr gegenüber steht Alexis Bedel („Sin City“) alias Rory, die hier ihre erste, wirkliche Schauspielerfahrung sammelte, was leider deutlich spürbar ist. Zu versteinert wirkt ihr Spiel, vor allem dann, wenn Graham als ihr Zugpferd nicht an ihrer Seite ist. Die Rolle der Rory ist aber auch relativ undankbar: Hochbegabt, attraktiv und charmant. Wer bei Rorys Charakterbild immer noch glaubt, die Serie würde den Anspruch verfolgen, ein wahres wie ernsthaftes Weltbild zu verfolgen, muss wahrlich ein gutgläubiger Ultra-Optimist sein. Was ihr fehlt sind echte Macken und Kanten. Etwas, was sie vielleicht im Laufe der nächsten Staffel noch erhalten wird und somit aus dem Dunstkreis elend belangloser Perfektion herauskommt.

    Wie „Sex and the City“ entwirft „Gilmore Girls“ eine Traumwelt, in der sich jeder verlieren kann der will. Die Erdung einer auf Authentizität ausgelegten Serie wie „Girls“ fehlt hier völlig. Das kann man der Serie von Amy Sherman-Palladino aber gewiss nicht vorwerfen. Ihr Fokus zentriert sich auf eine andere Mechanik. „Gilmore Girls“ spricht alltägliche Probleme zwar an, deren Lösung ist aber im Grunde nur der Aufhänger für diverse Irrungen und Wirrungen innerhalb eines eher humoristischen Konsens mit gut funktionierender Seifenopfer-Mentalität. Es erinnert ein wenig an die gute, alte Zeit der Screwball-Comedys mit Doris Day. Und zumindest die erste Staffel leidet unter ähnlichen Problemen, denn auch wenn Emanzipation und Girlpower zelebriert werden, so ist das höchste, definierte Ziel für Rory und Lorelai doch einen Mann fürs Leben zu finden. Aber zumindest die Suche danach folgt eigenen Regularien, die mit Selbstbestimmung und Erquicklichkeit verfolgt werden.

  • "Transformers 4: Ära des Untergangs" (US 2014) Kritik - Ära des Unverstands

    Autor: Jan Görner

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    In einer Folge der Ausnahme-Sitcom "30 Rock" läuft Protagonistin Liz Lemon (Tina Fey) in einer Alptraumvision durch die Straßen New Yorks. In der Angst als Comedy-Autorin einer aussterbenden Spezies anzugehören, stößt sie auf ein Plakat: "Transformers 5: Planet of Earth" steht da drauf. Und drunter: "Written by no one". Fast möchte man den Autoren dieses Gags für ihr prophetisches Gespür (drei Monate vor Start des dritten Teils) Beifall spenden. Denn tatsächlich scheinen sich Regisseur Michael Bay ("Pain & Gain") und (Noch?-) Autor Ehren Kruger („Transformers 3“) darauf verständigt zu haben, dass das Erfolgsgeheimnis von der "Transformers"-Reihe nur auf eine Weise verfeinert werden kann: Die Menschlichkeit muss weg! Schrieb ich im Mai dieses Jahres noch, Gareth Edwards Katastrophenkracher "Godzilla" wirke wegen seiner Bezugslosigkeit zwischen Mensch und Monster wie ein "Bandenkrieg auf dem Ameisenhaufen", so muss "Transformers: Ära des Untergangs" wirken wie ein Atomschlag im Vakuum: Knallig, grell, gewaltig - aber niemand Lebendiges, der es bezeugen könnte. So menschenleer war Kino noch nie.

    An dieser Stelle würde ich normalerweise eine Inhaltsangabe geben. Wer auch immer einen „Transformers“-Streifen wegen des packenden Plots schaut, ich will mit dieser Tradition nicht brechen. Einige Zeit nach den Ereignissen von „Transformers 3“ sind die Autobots auf der Flucht. Das US-Militär ist auf seine außerirdischen Verbündeten nicht mehr angewiesen seit ein exzentrischer Milliardär (Stanley Tucci) es in die Lage versetzt hat seine eigenen Kampfroboter zu bauen. Möglich wurde dies durch das Element Transformium (wirklich, „Transformium“!), aus dem auch (wer hätte das gedacht?) die Transformers bestehen und das irgendwie auch für das Aussterben der Saurier verantwortlich ist, weil es bei Berührung lebende Materie in Metall verwandelt oder sowas in der Art. Jedenfalls ist dann da noch der außerirdische Robo-Kopfgeldjäger Lockdown, der im Auftrag der Transformers-Schöpfer das Gefäß, mit dem das Transformium auf die Erde kam, den sogenannten Samen, ausfindig machen soll. Denn der Samen könnte das Leben auf der Erde vernichten und eine Ära der Transformers einleiten. Das müssen Cade und seine Tochter Tessa (Nicola Peltz) samt unliebsamen Boyfriend (Jack Reynor) natürlich verhindern. Ach ja, Megatron ist auch wieder mit von der Partie, weil Stanley Tucci ihn geklont hat ohne es zu wissen. Alles, was man wissen muss, ist, dass er nun Galvatron heißt und auch Sachen macht.

    Mit gänzlich neuem Menschenmaterial ausgestattet gibt sich "Transformers 4" gerne den Anstrich eines Reboots. Denn wenn es ein Problem an den vorherigen Ausgaben des Franchises gab, dann mit Sicherheit das atmende Personal. Mit Mark Wahlberg übernimmt ein Schauspieler die Protagonistenrolle, der unter richtiger Anleitung durchaus funktionieren kann. (Zu dumm, dass mit Michael Bay ein Regisseur am Steuer ist, der Schauspieler hasst.) Doch Wahlberg hat nichts, mit dem er arbeiten könnte. Das beginnt schon beim Figurennamen: Cade Yeager, könnte auf Luftfahrtpionier Chuck Yeager verweisen. Vermutlich hat Autor Kruger aber einfach nur "Pacific Rim" geschaut und fand das Wort cool. Denn ich habe selten einen Charakter gesehen, der so einzigartig verpatzt ist wie Cade Yeager. Er wird uns als Erfinder und Robotik-Experte verkauft, zu dumm nur, dass ihn eine ausgeprägte Fortschrittsfeindlichkeit ausmacht. So lebt er fernab der Zivilisation auf einer Farm, nur um zu zeigen, was für ein Jedermann dieser Pfundskerl doch ist. Gleich zu Beginn des Films, als Cade Optimus Prime in einem alten Filmtheater entdeckt, will sich Michael Bay dann allen Ernstes sogar als Bewahrer der Filmkultur gerieren, offenbar ohne zu begreifen, was er dem Kino mit jedem Meter Zelluloid (wenn es mal Zelluloid wäre) antut.

    Die anderen Menschen sind kaum der Rede wert. Der talentierte Jack Reynor („Der Lieferheld – Unverhofft kommt oft“) ist in seiner Rolle als, ja was eigentlich – draufgängerischer Autofahrer?, völlig verschenkt. Schon seine Einführung misslingt, als er während der ersten Actionsequenz aus dem Nichts erscheint, um Cade und seine Tochter zu retten. Als Charakterisierung muss reichen, dass der 20-jährige Testosterontank es auf Mark Wahlbergs Tochter abgesehen hat. Dieser Konflikt wird dermaßen überreizt, dass es eine Szene in diesem Film gibt, in der sich zwei erwachsene Männer ungelogen darum streiten, wer eine junge Frau besitzt. Besitzt! Dementsprechend funktioniert auch Nicola Peltz' Rolle in „Ära des Untergangs“. Sie ist da, damit Wahlberg frustriert in Slow-Mo auf den Boden schlagen kann, als sie entführt wird und um ungelenke Dialoge über Dinge zu führen, die beide Charaktere wissen sollten, das Publikum aber erfahren muss. Weißt du noch, Kind? Deine tote Mutter? Nun, da wir etabliert haben, dass ich ein aufopferungsvoller Single-Dad bin, lass uns nie wieder von ihr sprechen. Es ist so lächerlich! Ansonsten sagt uns Bay am Ende mit einem schmierigen Grinsen, dass es durchaus okay ist, 17-jährigen Mädchen nachzueifern. Ehrlich! Es gibt da ein Gesetz. Die Darstellung dieser Figur ist ein so widerlicher wie reaktionärer Rundumschlag, dass man "Ära des Untergangs" allein dafür meiden müsste.

    Auch sonst scheint Bay die Gelegenheit zu nutzen, die in „Transformers 3“ vernachlässigten stereotypen Figuren und seine generelle gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wieder ein bisschen zu pflegen. Da wäre die kiebige schwarze Vermieterin, die die Frechheit besitzt ihren säumigen Mieter zu ermahnen. In Bays Gedankenwelt gehört auf solche Leute geschossen. Haha, wie ulkig! Auf Seiten der Roboter liefert der sonst geschmackssichere John Goodman („Inside Llewyn Davis“) als zigarrenrauchender Redneck-Transformer eine der peinlichsten Leistungen seiner Karriere ab. Ken Watanabe („Godzilla“) muss den Alien-Samurai-Robo mimen, der – stilecht mit wallendem Metallmantel – fernöstliche Kalendersprüche unters Volk bringt. Überhaupt ist Asien als wichtiger Markt auch in dieser Hollywood-Großproduktion mal wieder übervertreten. So findet einer der großen Showdowns (der Film hat etwa drei) in Hongkong statt. Natürlich stilecht mit putzigen Chinamännern, die putzig sind, weil sie kein Englisch können.

    Ich gebe zu, 2007 war "Transformers" für mich technisch perfektes Überwältigungskino Spielberg'scher Prägung. Sowas hatte ich in der Tat noch nicht gesehen. 2014 ist der vierte Teil der Reihe mit das Dümmste und Langweiligste, das ich je erleben musste. Viel verspricht "Ära des Untergangs": Einen Einblick in die Entstehung der Transformers, ein neues Kapitel im Kampf Gut gegen Böse und nicht zuletzt die bei den Fans beliebten Dinobots. Doch tatsächlich nehmen diese im Gesamtgefüge nur eine minimale Rolle im dritten Unter-Finale dieser endlosen Action-Tirade ein. Die Struktur des Drehbuchs ist ein heilloses Durcheinander, das ohnehin schon immer übertriebene Charakter-Design ist ein Witz (Transformers-Samurairock!) und die Figuren sind eine Beleidigung. Wenn es etwas Positives über „Transformers: Ära des Untergangs“ zu sagen gibt, dann dass Kelsey Grammer („X-Men – Der letzte Widerstand“) und allen voran Stanley Tucci („Die Tribute von Panem“) ihre Arbeit anständig machen, auch Tom Lennon (Autor „Nachts im Museum“) als Stabschef des Weißen Hauses ist mit für ein paar Lacher gut. Aber das alles kann „Transformers: Ära des Untergangs“ nicht retten. Dieser Film ist ein Totalausfall.

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