"Ich puste dir ein Loch in die Fresse! Und dann geh ich wieder rein und schlafe wie ein Baby! Darauf kannst du dich verlassen. Schweine wie euch haben wir in Korea zwei Meter hoch gestapelt und als Sandsäcke benutzt!"

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Rassismus war, ist und bleibt immer eine wichtige Thematik, sowohl im Kino, als auch natürlich in der heutigen Gesellschaft. Gerade in dieser Zeit, in der man eigentlich in dem Glauben sein müsste, dass die radikalen Ansichten endgültig aus der Welt geschafft wurden, wird dieser sinnlose Hass gegen Ausländer und deren fremde Sitten immer weiter angestachelt und aufgeblasen. Sehen wir uns Filme zu diesem vieldiskutierten und wohl nie aussterbenden Streitthemas an, dann gibt es die klaren Vertreter, die weit über den Nationalsozialismus hinausgehen und immer wieder im besten Fall für Aufklärung und Erschütterungen sorgen sollten. Angefangen bei 'American History X' mit Edward Norton, der sich der White-Power-Bewegung im Amerika der 90er Jahre näherte und diese mit schonungsloser Brutalität verdeutlichte und weiter über 'Mississippi Burning' mit Gene Hackman und Willem Dafoe, die sich gegen den berühmt berüchtigten Ku-Klux-Klan wehren müssen. Weniger gut gingen dieses schwere Thema 'Inside a Skinhead' und ganz besonders 'L.A. Crash' an, die sich entweder in Kitsch und Klischees oder in klaren Ungereimtheiten einschlossen. Es lag mal wieder an Altmeister Clint Eastwood, der sich 2008 mit seinem wohl letzten Film 'Gran Torino' als Schauspieler dem oft totgeschwiegenen Thema widmete und darum eine Geschichte entfaltete, die nicht nur zeigt, wie die Zeit Menschen verstimmt, sondern auch, wie sie sich wieder ändern können.

Kriegsveteran Walt will nur noch seine Ruhe. Ausgerechnet kurz nach der Beerdigung seiner geliebten Ehefrau, zieht eine Hmong-Familie neben ihm ein. Gerade diese Sorte von Menschen kann Walt überhaupt nicht leiden, aber auch die Hmongs haben so ihre Probleme und nach anfänglichen Schwierigkeiten versteht Walt immer mehr, dass es sich auch nur um ganz normale Menschen handelt, die ebenso Hilfe vor andere Menschen brauchen, vor allem vor einer Gang von Jugendlichen, die die Nachbarsfamilie immer wieder in Angst und Schrecken setzt. Walt muss zu seinen eigenen Mitteln greifen, damit er irgendetwas ändern kann.

Sieht man sich die Charaktere von Clint Eastwood an, die er über seine lange Filmkarriere immer wieder verkörpert hat, dann lässt sich der gemeinsame Kern leicht feststellen. Dass Eastwood immer einen Hang zum groben und harten Typen hatte, der nicht viele Worte verliert, sondern viel lieber mit Taten und gerne auch mit Fäusten oder Waffen spricht, sollte klar sein. Alles fing mit den Sergio Leone-Western an, die ihn über Nacht zum Helden des Genres machten und auch die 'Dirty Harry'-Filme trugen ihren Teil zum Stand von Eastwood bei, in denen er den eiskalten Cop immer wieder aufleben lassen konnte. Dazu kamen natürlich noch seine eigenen Western und einige aussagekräftige Thriller wie 'Blood Work' oder 'Absolute Power'. Eastwood steht für den echten Mann, mit harter Mimik und rotzigen Sätzen, die Art von Kerl, mit der man sich besser nicht anlegen sollte, denn das würde siher nicht gutausgehen. Aber auch die sensiblen Zwischentöne beherrschte Eastwood immer wieder und inszenierte mit Filmen wie 'Die Brücken am Fluss', 'Mystic River', 'Perfect World' oder 'Million Dollar Baby' keine Männerfilme, sondern erzählte über echte Gefühle. Eastwood hat einfach Eier und das Herz am rechten Fleck und genau das, macht ihn so einzigartig. In 'Gran Torino' nahm sich Eastwood alle seine Charaktere zusammen, verschmolz sie und schuf Walt aus ihnen, der alle Eigenschaften seiner vergangenen Zeiten besaß, aber trotzdem einen neuen Menschen darstellt, der nicht nur mit unbekannten Facetten auffuhr, sondern auch gleich eine von Eastwoods besten Karriereleistungen forderte, die der Könner natürlich mit Bravour meisterte.

Unser Dreh und Angelpunkt der Geschichte ist dementsprechend auch Walt Kowalski, der früher in Korea war und danach als Automechaniker arbeitete, wo er seinen Gran Torino mit den eigenen Händen fertigstellte. Jetzt ist seine Frau verstorben, seine Söhne möchten ihn nur ausschlachten und am liebsten ins Altenheim verschieben und alles was ihm noch bleibt, ist sein treuer Hund Daisy. Dazu besucht ihn immer wieder der örtliche Priester, der gut mit Walts verstorbener Frau befreundet war und nun auch Walt als Freund gewinnen möchte, doch der zeigt ihm nur die kalte Schulter. Es braucht erst den etwas schludrigen Nachbarsjungen Thao, der nicht gerade ziemlich männlich erscheint und in dem von Frauen dominierten Haushalt meistens untergeht. Eine Gang, darunter ein Cousin von Thao, möchte ihn gerne für sich gewinnen und in die Gruppe einschleusen. Dafür ist Thao dann jedoch zu intelligent und er würde sich nie wirklich mit diesem Haufen abgeben. Daraufhin bekommt es die Hmong-Familie immer wieder mit den Halbstarken zu tun, die sich ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch mit Gewalt zu helfen wissen. In diese Auseinandersetzungen wird auch Walt gezogen, der als Nachbar in solchen Sachen gar keinen Spaß versteht und beim ersten Aufeinandertreffen auch gleich mit Gewehr erscheint. Nun sind die Asiaten ihm zu Dank verpflichtet, bringen ihm essen und Thao soll für den alten Walt arbeiten, was ihm eigentlich gar nicht passt, denn für ihn sind das alles nur ekelhafte Schlitzaugen, die sich schnell wieder in ihr Land verziehen sollen. Doch Walt taut langsam auf, nimmt sich Thao an und wird sogar eine Art freundschaftliche Vaterfigur für ihn, die ihn nicht nur fördert, sondern auch durch die schweren Zeiten im Leben hilft. Doch die asiatische Gang kann den Vorfall nicht vergessen und greift zu schweren Kalibern, die nicht nur die Familie von Thao erschüttern, sondern auch Walt, der zurückschlagen muss, auch wenn es sein Ende bedeuten würde.

"Was ist nur aus der heutigen Jugend geworden?"

'Gran Torino' hat sicherlich einen vollkommen ernsten Kern, doch Eastwood lässt sich in seiner Inszenierung nie den Humor nehmen, der auch immer wieder gegen ihn selbst gerichtet ist und sein Alter herrlich auf die Schippe nimmt. Ein verbitterter Rassist wird mit einer asiatischen Familie konfrontiert und daraufhin nicht nur ein Freund der Familie, sondern auch ein Mentor von Thao. Beide wachsen zusammen, obwohl Walt Thao zu Anfang noch als verachtenswerte „Bambusratte“ oder „Frühlingrolle“ abgestempelt hat. Eastwood umkreist das Thema Rassismus und offenbart und eine einfühlsame wie intensive Geschichte um den wahren Wert von Freundschaft und Familie und zeigt uns, das sich Menschen in einer bestimmten Lebensphase doch noch verändern können, auch wenn sie selbst jede Hoffnung an sich selber schon verloren haben. Aus Abscheu wird Annahme und der Hass wird endgültig aus dem Weg geräumt, was jedoch nicht heißen soll, dass Walt seine Umgangssprache während der Bekanntschaft und in der Zeit danach ändert. Eastwood lässt seinen Walt während der Geschichte zwar immer weiter reifen, bleibt aber äußerlich der gleiche Charakter. 'Gran Torino' ist ein emotionaler Film über Konfliktlösung und zwischenmenschliche Bindungen, die eben manchmal konsequente Schritte heraufbeschwören, die nicht immer gut ausgehen, aber einfach getan werden müssen. Ein Film, irgendwo zwischen Problemen, Mut, Toleranz, Gewalt, Ehre und einem Abschied, der ebenso einen Neubeginn darstellt. 'Gran Torino' ist Eastwood persönlichstes Meisterwerk, welches nicht nur viel Tiefgang besitzt, sondern auch noch blendend Unterhält, die Ironie nie vergisst und auf politische Korrektheit pfeift.

Fazit: Ob Clint Eastwood nun als Regisseur oder Schauspieler besser war, lässt sich schwer sagen, denn auch in 'Gran Torino' beherrscht er beide Gebiete wieder einmal mehr als grandios. Mit tollen Darstellern, allen voran natürlich Eastwood selbst, einem sensiblen Score, feinen Aufnahmen und einem starken Drehbuch von Schenk & Johannson wurde Eastwoods Inszenierung zu einem gefühlvollen wie kraftvollen Drama, welches nicht nur wichtige und persönliche Standpunkte ausfüllt, sondern auch auf der Unterhaltungsebene aus den Vollen schöpfen darf. 'Gran Torino' ist humorvoll, bitterernst, menschlich und immer genau auf den Punkt inszeniert.

Bewertung: 9/10 Sternen