"Wie es scheint, diente meine Erzählung als Inspiration für ein reales Verbrechen."

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In jedem künstlerisch wertvollen Bereich gibt es die unumgänglichen Vorbilder, an denen sich jeder aufstrebende Stern orientiert und gerne auch ein stückweit abkupfert, um seinen eigenen Horizont mit den Gedanken der alten Helden zu verknüpfen und im besten Fall seinen ganz eigenen Stil zu finden. Im filmischen Bereich würden da zum Beispiel Namen wie F.W. Murnau („Nosferatu“), Luis Buñuel („Ein andalusischer Hund“) und Alfred Hitchcock („Psycho“) genannt werden. Begeben wir uns in die Sparte der großen Weltliteratur, dann dauert es nicht lange, bis uns Gesichter wie Johann Wolfgang von Goethe, Charles Baudelaire und Ernest Hemingway entgegenblicken. Dabei darf jedoch ein Mann ebenfalls nicht vergessen werden, dessen Werke nicht nur wichtig für die Krimi- und Horrorliteratur waren, sondern auch im höchsten Maße prägend: Edgar Allan Poe (1809-1849). Und wenn ein Schriftsteller einen gewissen Ruf und Ruhm besitzen durfte, dauert es nicht lange, bis eine Interpretation seiner Werke den Weg in die Lichtspielhäuser findet. Im Jahr 2011 meldete sich Regisseur James McTeigue („V wie Vendetta“) zu Wort und sein Mystery-Krimi „The Raven“ lässt sich als enttäuschende Huldigung der Œuvre Poes deuten.

Großbritannien im 19. Jahrhundert: Eine Mutter und ihre Tochter wurden entsetzlich ermordet. Wer der Mörder ist, ist unklar und Detective Emmett Fields bemerkt schnell, das die brutalen Morde einer gewissen Inspiration folgen, nämlich den Buchvorlagen des nicht gern gesehenen Autors Edgar Allan Poe. Während Poe zu Anfang noch als Verdächtiger verhört wird, kommt es bereits zu einem weiteren Mord und Fields muss sich eingestehen, dass nur Poe den Fall wirklich durchblicken und aufklären kann. Zusammen mit der Polizei versucht Poe den Serienkiller dingfest zu machen, nicht zuletzt deshalb, weil seine Liebe Emily vom unbekannten Killer entführt wurde. Die Jagd beginnt…

Die finstere Stimmung der englischen Gassen, konnte zu Anfang ein wunderbares Feeling erzeugen und gibt „The Raven“ genau die Atmosphäre, die der Film für seine passende Entfaltung auch benötigt. Mit viel schaurigem Charme streifen wir durch die nächtliche Welt und Kameramann Danny Ruhlmann beweist sein Talent für stimmig-düstere Einstellungen. Je länger der Film jedoch dauert, desto mehr geht auch von der Atmosphäre verloren, was allerdings nicht am Unvermögen Ruhlmanns liegt, sondern an den inszenatorischen Schwächen von James McTeigue. Der Score von Lucas Vidal bleibt durchgehend unauffällig, versucht man sich nach dem überdrehten Abspann, der von UNKLES großartigen „Burn My Shadow“ untermalt wird, noch an die Untermalung während des Film zu erinnern, trifft man wohl nur auf ein großes Fragezeichen.

Schauspieler wie Joaquin Phoenix und Jeremy Renner wurden immer wieder in Verbindung mit der Besetzung des Edgar Allan Poe gebraucht und die Gerüchteküche durfte mit Freude aufbrodeln. Schlussendlich fiel die Besetzungswahl jedoch auf einen ganz anderen Typ von Darsteller, der sich eher durch seine lockere und sympathische Art einen Namen gemacht hat: John Cusack („Zimmer 1408“). Und auch wenn Cusack in der Vergangenheit immer wieder überzeugende Performances abliefern konnte, ist seine oft unterqualifizierte Rollenwahl doch zumeist eher konterproduktiv als wirklich förderlich. Als Edgar Allan Poe manövriert sich Cusack in eine schauspielerische Zwickmühle. Auf der eine Seite hat er genügend Charme, um seine Rolle interessant zu machen, auf der anderen Sache wirkt er so derartig überdreht, dass man so manches Mal von einer astreinen Nicolas Cage-Karikatur sprechen darf, die in Sachen Übermotivation die Sphäre des Overacting problemlos betritt. Schlecht ist Cusack keinesfalls, doch die fragwürdige Mischung aus gelangweilter Überzeichnung ist weder zufriedenstellend noch wirklich abschreckend. Die Nebendarsteller wie Brendan Gleeson („The Guard“), Luke Evans („Kampf der Titanen“) und Alice Eve („Men in Black 3“) bleiben allerdings durchgehend ausdruckslos und machen sich weder positiv noch negativ bemerkbar.

„The Raven“ holt aus zu einem aufgeblasenen Rundumschlag der bedeutenden Karriere von Edgar Allan Poe. Er selbst wird zum Hauptprotagonisten, sein berühmtestes Gedicht verkommt zur Rahmenhandlung und die verschiedensten Muster und Symbole seiner Werke tauchen an allen Ecken und Enden des Filmes auf. Die Mischung aus historischer Kriminalgeschichte und düsterer Schaffensausstellung eines der prägendsten Gesichter der Weltliteratur, hätte durchaus ein wunderbares Endprodukt entstehen lassen können, doch James McTeigue überhebt sich bereits nach kurzer Laufzeit und schafft es nicht, die einzelnen Versatzstücke konsequent zu einem stimmigen Ganzen zusammenzufügen. Die Killerjagd wirkt durchgehend ermüdend, der nebulöse Bezug zur atmosphärischen Vergangenheitskulisse wird unverständlicherweise immer wieder mit der modernen Filmgeschichte verknüpft und „The Raven“ scheitert gänzlich an dem Versuch, eine standhafte Brücke zwischen den unzähligen Eindrücken zu schlagen. Eine abgestandene Geschichte, die jeden Thrill und Drive vermissen lässt, wird abermals aufgewärmt und die reichlichen Vorbilder, bei denen „The Raven“ zu genüge plagiiert, lassen sich immer wieder entdecken und verhindern so, das ein eigener Stil kreiert werden kann.

Fazit: „The Raven“ hätte spannendes, atmosphärisches und visuell ansprechendes Krimi-Kino mit realen Bezügen werden können. Edgar Allan Poe wird dank John Cusacks Vorstellung zu einem überdrehten Ermittler, der sich seinen Werken stellen muss und der Inspiration des Bösen hinterherjagt. James McTeigues Inszenierung kann den Zuschauer nie wirklich fesseln und bereits nach der ersten Hälfte des Filmes, wiederholt sich der Blick auf die Uhr beinahe im Minutentakt. Potenzial hatte die Geschichte genug, die Ausganglage ist mehr als interessant, doch die Umsetzung ist eine herbe Enttäuschung, die in ihrer unausgegorenen Art und Weise keinen Halt finden kann.

„Auf die Stirn nimm diesen Kuss!
Und da ich nun scheiden muss,
Lass mich dir gestehn zum Schluss:
Die ihr wähntet, dass ein Traum
Meine Tage, irrtet kaum.“