"Auge um Auge und die ganze Welt wird blind sein."

null

Seit Martin McDonaghs Langfilmdebüt „Brügge sehen und sterben?“ herrscht eine schwere Uneinigkeit über die Einordnung seiner künstlerischen Person. Selbst die Marketing-Abteilungen wissen nicht so recht wie sie einen Donagh-Film an den Mann oder die Frau bringen sollen. Wer damals nach dem Trailer zu „Brügge sehen und sterben?“ eine tarantinoeske Gangsterkomödie erwartete, wurde im Kinosaal eines besseren belehrt. Der gefeierte irische Bühnenautor benutzte die postmodernen Kinobilder des Tarantino-Kults als bloße Verpackung einer tiefgehenden moralischen wie tragischen Dramatisierung bekannter Gangster-Streitigkeiten. Das Kino ist eben auch ein Ort des organisierten Verbrechens, denn nirgendwo sonst sehen wir so gerne Männern mit Knarren zu, die anderen Männern mit Knarren wegen ein paar Kröten die Birnen wegschießen. Nur hat bei McDonagh jeder Schuss folgenschwere Konsequenzen. Es geht nicht um den Gewinn eines Schönheitswettbewerbs.

Sein nun zweiter Film „7 Psychos“ wird wieder genauso schwer einzuordnen sein. McDonagh, der die Idee zum Film bereits Jahre vor seinem Debüt hatte, kommt durch das große Schauspielensemble und die vielen kleinen Episödchen noch näher, gefährlich nahe sogar an Gangster-Streifen wie „Pulp Fiction“ und Guy Ritchies „Bube, Dame, König, Gras“, dabei ist ihm doch ein Film gelungen, der seine Quellen ebenso bedient wie hartnäckig hinterfragt.

Marty (Colin Farrell) braucht dringend ein paar Anregungen für sein neues Drehbuch. Durch seinen besten Freund Billy (Sam Rockwell) bekommt er allerdings mehr Inspiration als ihm lieb ist: Als Hundenapper mischt Billy die kriminelle Szene durch den Diebstahl eines Shih Tzu ordentlich auf. Bevor Marty sich versieht, steckt er mitten in seinem eigenen Drehbuch und will nur noch eins: Überleben!

Neben Tarantino und Ritchie schleicht sich nun ein weiterer Name hinein, Charlie Kaufman, der Drehbuchautor solch selbstreflexiver Fantasien wie „Adaption“ oder „Synecdoche New York“. Auch McDonagh verschränkt Filmhandlung und Martys Drehbuch ineinander, demonstriert Dopplungen und Abweichungen. In dieser ausgestellten Cleverness nervt „7 Psychos“ zuweilen, schon allein, weil er damit stark ausgetretenen Wegen folgt. Die Konfrontation der zwei Großstadt-Gangster mit dem pittoresken Brügge in McDonaghs letztem Film erzeugte dagegen ein ungewohntes Gefühl. Die Konflikte waren zwar altbacken, aber selten so stringent erzählt. „7 Psychos“ will nicht stringent erzählt sein und schöpft keine neuen Gefühle aus seinem Handlungsort. Zwar fungiert L.A. in einer ähnlichen Funktion wie Brügge, aber zum Staunen regt diese Stadt keinen mehr an. So erscheint es logisch, dass die Hauptfigur Drehbuchautor ist und der Schauplatz das organisierte Verbrechen. Wie eingangs erwähnt, lieben sich Kino und Gangster ja innig. Letztendlich liefert McDonagh aber eine gewohnte wie ungewohnte Aufarbeitung des Genres und wem sich beim x-ten „Film über das Kino“ die Nackenhaare aufstellen, sollte um „7 Psychos“ sowieso einen großen Bogen machen.

Da ich aber der Meinung bin, dass jeder Filmemacher die Chance haben sollte, die Welt in der er arbeitet, filmisch auseinander zu nehmen, würde ich bereitwillig im Kinosessel sitzen bleiben, schon allein, weil McDonagh nicht mit den Augen des Regisseurs, sondern mit denen des Autors auf diese Welt blickt. Es ist also kein Film über einen wehleidigen Regisseur geworden, der sich mit seiner Besetzung herum quält. Es geht McDonagh wirklich um die Entstehung von Geschichten, den Irrsinn, dass die Realität viel verrückter ist als das Kino je sein könnte. Und so erklärt sich auch die Vielzahl der kleinen Geschichten und die Fülle der Figuren, die der irische Auteur nicht zum reinen Abfeiern äußerer Handlungen degradiert, sondern ihnen aufrichtige Träume, Ängste und Sehnsüchte schenkt, wichtige Facetten, die sich bereits in den kleinsten Nebenfiguren widerspiegeln. Anders als bei Tarantino und Ritchie herrscht nicht das Diktat der Sinnentleertheit. McDonagh empfindet viel für seine Figuren und ihre Geschichten und keine von ihnen kommt auch nur annähernd an ein Klischee heran.

Allen Schauspielern und Schauspielerinnen merkt man ihre schiere Spielfreude einfach an. Sei es Tom Waits, der sogar mit geducktem Kopf und Kanninchen im Arm, nicht die Haltung verliert oder Christopher Walken, der seit langem mal wieder zur Höchstform aufläuft und dessen Figur das tief berührende Finale zu verdanken ist, was gleichzeitig den aufrichtigen Pazifismus dieses Films unterstreicht.

Marty, als grenzenloser Pazifist, weigert sich eine Waffe in die Hand zu nehmen und auch sein Drehbuch soll in keinem Blutbad enden. Entgegen aller Klischees des Genres, behält in McDonaghs Film derjenige ohne Waffe die Oberhand. Die Potenz des Kriminellen erfährt hier eine radikale Neuausrichtung. Sie soll ein Akt der Gnade, des Vergebens sein und nicht der endlosen Gewalt. Das ist eben weder Tarantino, noch Ritchie, noch irgendwer anders. Das ist das Kino von Martin McDonagh, dem Humanisten des Gangsterfilms.